The inconvenient truth: We are letting them starve.

Interview mit Jean Ziegler 

Jean Ziegler ist Schweizer Soziologe und emeritierter Professor der Universität Genf. In seinem aktuellen Buch ” Wir lassen sie verhungern” führt Jean Ziegler uns vor Augen: Der Hunger in den Ländern der Dritten Welt ist ein Abfallprodukt der Profitgier von Konzernen und Spekulanten. Skandalös daran ist die Ignoranz der Industrienationen, die den masslosen Ueberfluss angesichts einer permanenten Hungerkatastrophe zelebrieren.

Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind an Hunger: Was hat das konkret mit unserem Leben zu tun?

Der World Food Report der UNO macht transparent, dass die Weltlandwirtschaft heute problemlos zwölf Milliarden Menschen, das Doppelte der momentanen Weltbevölkerung, ernähren könnte. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gibt es keinen objektiven Mangel mehr. Dennoch sterben jährlich weltweit mehrere zehn Millionen Menschen den qualvollen Hungertod. Das Problem ist nicht die Produktion, sondern der Zugang zur Nahrung -ein Kind das heute am Hunger stirbt, wird ermordet. Insofern hat dies sehr viel mit unserem Leben zu tun, zum Beispiel mit unseren Kaufentscheidungen, die die Mechanismen der Hungerkatastrophe bedienen: Zusammengerechnet sterben 57’000 Menschen pro Tag an Hunger, eine Milliarde Menschen sind Zeit ihres Lebens hochgradig unterernährt – auf einem Planeten, der Unmengen an Reichtum produziert und wo das Recht auf Nahrung in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgelegt ist!!

Die Macht der Agrokonzerne und Börsenspekulanten auf Nahrung übersteigt jene der Staaten und Organisationen. Nur zehn multinationale Konzerne kontrollieren 85% aller gehandelten Nahrungsmittel – vor allem die Grundnahrungsmittel Reis, Mais und Weizen, die wiederum 75% des Weltkonsums decken. Dabei ist ausschliesslich die Profitmaximierung massgeblich: Es geht den Konzernen einzig darum, die Kapitalrendite zu erhöhen. Die Mechanismen, die den strukturellen Hunger in der Welt bewirken, sind deren Strategie. Der Konzern Cargill kontrollierte beeispielsweise im vergangenen Jahr 31,8% des Weltgetreidehandels, die Dreyfuss-Gruppe laut Statistik 38,2% des gehandelten Reises. Weitere sind: Archer Midland, Unilever, Nestlé und andere. Nicht zu vergessen sind die Firmen, die den Bauern die Produktionsmittel liefern, Monsanto kontrolliert praktisch 85 Prozent des gehandelten Samengutes der Welt – dies ist eine unglaubliche Konzentration von Macht.

Sie sprechen in Ihrem Buch von den Mechanismen struktureller Gewalt!

Zum einen boomt der Einsatz von Agrartreibstoffen. Im Jahr 2011 verbrannten die USA 138 Millionen Tonnen Mais und Getreide, um Biomethanol und -diesel herzustellen. Da die Vereinigten Staaten jeden Tag 20 Millionen Barrel Erdöl benötigen, aber nur etwa ein Drittel im eigenen Land fördern können, muss der Grossteil aus Afrika und dem Mittleren Osten importiert werden. Dies bedeutet gleichzeitig, dass die USA astronomische Summen für das Militär zur Sicherung der Erdölquellen aufbringen müssen. Präsident Obama will daher fossile durch vegetale Energie ersetzten – natürlich aus Gründen des Klimaschutzes. Hunderte Millionen Tonnen von Nahrungsmitteln zu verbrennen, ist jedoch ein Verbrechen gegen die hungernde Menschheit. Nach dem Börsencrash 2008 haben sich die Interessen der Grossbanken auf die Rohstoffbörsen gerichtet, besonders auf Argrarprodukte. Hier wird nach wie vor mit legalen, aber unethischen Finanzinstrumenten gehandelt, um mit der Spekulation auf Getreide astronomische Profite einzufahren: Der Preis für eine Tonne Mais hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Für die Aermsten der Welt ist diese Preisentwicklung der Grundnahrungsmittel eine Katastrophe. Laut einem Bericht der Weltbank leben 1,2 Milliarden Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag – sie vegetieren in den Slums von Manila, Sao Paulo, Mexiko City usw.. Davon müssen Mütter ihre Kinder ernähren: Wenn die Lebensmittelpreise explodieren, verhungern sie.

Ein weiterer Mechanismus ist das Agrardumping: Auf jedem afrikanischen Markt werden heute Gemüse, Geflügel und Früchte aus Europa verkauft, die um die Hälfte oder ein Drittel billiger als gleichwertige einheimische Erzeugnisse sind. Afrikanische Bauern können im Wettbewerb nicht bestehen und haben nicht die geringste Chance, auch nur das Existenzminimum für ihre Familien zu erwirtschaften. Die Kommissare in Brüssel fördern mit ihrer Dumpingpolitik also den Hunger in Afrika – und wenn die Hungerflüchtlinge nach Europa flüchten wollen, werden sie mit militärischer Gewalt aufs offene Meer zurückgedrängt, wo jedes Jahr Tausende ertrinken.

Der vierte Mechanismus ist die Ueberschuldung der armen Länder, die zum “Landgrabind” führt. Viele Länder Afrikas sind reine Agrarstaaten mit geringer Produktivität. Sie verfügen über keinerlei Geld, um in Bewässerungs-, Agrartechnik oder Düngemittel zu investieren: Der Grrossteil wird wie vor 5000 Jahren mittels Regenlandwirtschaft betrieben. Es gibt keine Subventionen seitens der Staaten, weil sie hoch verschuldet sind. Oeffentliche Finanzinstitute wie die Weltbank oder die Eurpäische Investmentbank sowie die Afrikanische Entwicklungsbank raten diesen Staaten, ihre Schulden dadurch abzubauen, indem sie das Ackerland Hedgefonds-Spekulanten und ausländischen Investoren überschreiben. Diese Investoren besitzen genügend Kapital, moderne Technik, Transportmittel und Handelsbeziehungen. Sie produzieren Avocados, Südfrüchte, Kaffee etc. für den Export nach Europa oder Nordamerika. Für die Versorgung der einheimischen Bevölkerung bleibt fast nichts übrig.

Dann hat unser Einkauf im Supermarkt also Konsequenzen für den weltweiten Handel?

Natürlich! Die Verbraucher können vieles bewirken. Mann solte zum Beispiel keine gentechnisch manipulierten Nahrungsmittel kaufen, weil dies unmittelbar zur Finanzsklaverei der Bauern in den Dritte-Welt Ländern führt. Diese Staaten sind Patenprodukte, die zwar eine höhere Ernte einbringen sollte, aber oftmals jährlich neu von den armen Bauern gekauft werden müssen und teure Düngemittel benötigen. Viele können diese Saat, die keine weiter Saat hervorbringt, nicht bezahlen – die hohe Selbstmordrate von Bauern zum Beispiel in Indien ist bekannt. Weiterhin sollte man auf den Konsum von Fleisch verzichten oder diesen zumindest stark einschränken. Ein Viertel der Wetlgetreideernte wird in die Massentierhaltung investiert. Ausserdem fair gehandelten Produkten den Vorzug geben, die möglicherweise etwas teuer sind, aber die Existenz der Bauern sicher, indem sie weiterhin Landwirtschaft betreiben können. Und möglichst regional und saisonal Obst und Gemüse einkaufen

Glauben Sie, dass sie notwendigen sozialen Veränderung auf friedlichem Wege durch einen Bewusstseinswandel möglich sind?

Absolut – ich bin diesbezüglich sehr optimisch: Immer mehr Menschen ernähren sich zum Beispiel nicht nur aus gesundheitlichen Gründen vegetarisch bzw. vegan, sondern weil sie die Zusammenhänge erkenne und nicht achtlos das Leid anderer bewirken wollen. Sie überdenken ihr Konsumverhalten und kaufen nicht vom Billig-Discounter und stattdessen fair gehandelte Produkte bzw. regionale und saisonale Erzeugnisse. Damit übernehmen sie Verantwortung und sind offensichtlich bereit ihr Denken, ihre Muster und Handlungen zu verändern.

Ich danke Barbara Decker / Natur & Heilen für dieses spannende Interview.

In good health.