For our children and there children..

Im Mai 2013 wird eine grosse Anzahl Menschen neu psychisch krank-nicht weil bei ihnen etwas Spezielles passiert wäre, sondern einfach aufgrund neuer diagnostischer Kriterien. Etwa zu diesem Zeitpunkt erscheint in den USA das neue Manual DSM-5, die diagnostische Bibel für viele Psychiater weltweit. Darin wird definiert, was als psychisch krank gilt. Erstmals publiziert wurde dieses Handbuch 1952 mit damals 109 Diagnosen. In der neusten Version werden weit über 300 erwartet. Werden wir immer kränker? Zwei Beispiele müssen genügen: neu gilt ein mehr als zweiwöchiges Trauern nach einem Todesfall als klinische Depression und wäre damit behandlungsbedürftig. Wutanfälle eines kleinen Kindes erhalten neuerdings ebenfalls eine Diagnose.

Wer hat ein Interesse an solchen Diagnosen? Sicher nicht wir “Patienten”, bestimmt nicht die Krankenkassen und auch kaum die Ärzte. Anders sieht es dagegen für die Pharmaindustrie aus, liefert sie heute doch zunehmend die “Heilmittel” für sämtliche Leiden. Die Autoren dieses Artikels haben lange in der klinischen Forschung der Psychiatrie gearbeitet, und bereits damals bestand eine Verbindung von Pharmaindustrie und Medizin. So war es üblich, das Studien über die Wirksamkeit einen Medikamentes von der Pharmaindustrie finanziert wurden. Heute stellt sich die Frage, ob neuerdings statt dessen “Krankheiten” zu den Medikamenten generiert werden. So abwegig ist dieser Gedanke leider nicht, haben doch etwa 70 Prozent der Entwickler von DSM-5 finanzielle Verbindungen zur Pharmaindustrie. Brauchen wir angesichts der Diagnosenflut bald eine vereinfachte Form der Behandlung? Wir füllen am Computer eine Checkliste des DSM-5 aus (gibt es schon), lassen uns die entsprechenden Medikamente vom elektronischen Arzt verschreiben und müssen sie dann nur noch in der Apotheke abholen! Inzwischen hat sich allerdings ein breiter Widerstand gegen das neue Manual entwickelt, angeführt vom amerikanischen Psychiatrie-Professor Allen Frances. Als Psychotherapeuten anerkennen wir den sinnvollen Einsatz von Psychopharmaka bei schweren psychischen Erkrankungen. Werden jedoch dir normalen Emotionen bei Umbruchsphasen und Entwicklungsübergängen pathologisiert oder gar medikamentös unterdrückt, hört unser Verständnis auf.

Wir brauchen Krisen im Leben, um uns zu entwickeln und neue Schritte vornehmen zu können. So müssen wir von Kindheit an lernen, mit den damit verbunden Gefühlen wie Wut und Trauer umzugehen. Werden daher Wutausbrüche von Kindern als Krankheit definiert und mit entsprechenden Psychopharmaka “therapiert”, ist dies gefährlich. Diesen Menschen fehlt später die normale Erfahrung im Umgang mit Wut, und was daraus entstehen kann, erfahren wir täglich aus der Presse. Nur ein gesellschafltiches Umdenken kann eine solche schädliche Entwicklung stoppen. Die chemische Abkürzung entspricht dem heutigen Wunsch, jedes Leiden möglichst rasch zu beseitigen, um wirtschaflich optimal weiter zu funktionieren. Das Durchstehen von Krisen dagegen braucht Zeit, Geduld und Verständnis.

Dr. phil Martina Degonda und Dr. phil Paul Scheigegger führen eine Praxis in Brugg Foto: Charlotte Manson

In good health